
Ansprüche auf die thailändische Küche: Historische und linguistische Fakten im Überblick
Wenn die „thailändische Küche“ zum kulturellen Schlachtfeld wird:
Fallstudien zu Khanom Khrok, Pad Krapow, Khanom Chin, Pad Thai, Hor Mok, Tom Yum Kung und die pauschalen Ansprüche auf thailändische Süßspeisen
In den letzten Jahren ist ein Phänomen, das thailändische Medien oft als „Claim-bodia“ (ein Kofferwort aus „Claim“ und „Cambodia“) bezeichnen, zu einem wiederkehrenden Thema in den Onlinemedien Thailands geworden. Es beschreibt Fälle, in denen Einzelpersonen oder Medien aus Kambodscha behaupten, dass Gerichte, Süßspeisen oder kulturelle Traditionen, die fest in Thailand verankert sind und als Teil der thailändischen Identität gelten, ihren Ursprung in Kambodscha haben. Dieser Artikel fasst reale Fälle zusammen und beleuchtet die relevanten linguistischen und historischen Hintergründe.
Der Fall „Khanom Khrok“ vs. „Nom Krouk“
Der aufsehenerregendste Fall ereignete sich im September 2024, als die kambodschanische Version der Fernsehshow MasterChef eine Süßspeise präsentierte, die optisch exakt dem thailändischen Khanom Khrok glich. Moderatoren und Kandidaten bezeichneten sie als „Nom Krouk“ und behaupteten, es handele sich um eine traditionelle kambodschanische Speise aus alter Zeit. Dies löste in den thailändischen sozialen Medien eine Welle der Kritik aus – insbesondere, weil Khanom Khrok erst Anfang desselben Jahres von TasteAtlas zu den besten Pfannkuchen/Desserts der Welt gezählt worden war, was dem Thema zweifache virale Aufmerksamkeit verschaffte.

Khanom Khrok

Knom Kruok
Ein interessanter linguistischer Einwand thailändischer Experten betrifft die Etymologie: Das Wort „Khanom“ ist ein Lehnwort aus dem Malayischen, während „Khrok“ (Mörser/Gießform) aus der tai-sprachlichen Familie stammt und sich direkt auf das Gefäß oder das Zubereitungsverfahren bezieht, aus dem der Name hervorging. Bezüglich des Namens „Nom Krouk“ im Khmer vermuten viele Sprachwissenschaftler hingegen, dass es sich um eine spätere Übernahme von Lautung und Bedeutung aus dem Thailändischen handelt, anstatt auf einer ursprünglichen Khmer-Etymologie zu beruhen.
Der Fall „Pad Krapow“
Ein weiteres beanspruchtes Gericht ist Pad Krapow, ein Alltagsgericht Thailands. Als behauptet wurde, Kambodscha sei der „Originalursprung“, stieß dies nicht nur in Thailand auf Unmut, sondern rief auch in anderen ASEAN-Ländern Widerspruch hervor. Der entscheidende Punkt ist, dass „Krapow“ der thailändische Name für Indisches Basilikum (Heiliges Basilikum) ist, eine spezifische Pflanze, die das Gericht definiert. Solche Ansprüche werfen daher stets die Frage auf, wie die ursprüngliche Bezeichnung und der Verwendungsnachweis in der historischen Sprache und Kultur der Khmer lauteten.

Pad Krapow mit Spiegelei
Der Fall „Khanom Chin“ vs. „Nom Banh Chok“ – Ein Fall mit Nuancen
Dieser Fall erfordert eine differenziertere Betrachtung. Kambodscha besitzt ein traditionsreiches lokales Gericht namens „Nom Banh Chok“ – fermentierte Reisnudeln, die seit langem ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens in Kambodscha sind. Es handelt sich hierbei nicht um eine völlig unbegründete Behauptung. Einige Lebensmittelhistoriker weisen auf eine sprachübergreifende Wortzusammensetzung hin: „Khanom (Chin)“ aus dem Thailändischen, kombiniert mit „Banh“ (Teig/Kuchen) aus dem Vietnamesischen und „Chok“ (pressen/greifen) aus dem Khmer. Dies deutet darauf hin, dass sich diese Nudelart regional gemeinsam entwickelt hat, anstatt das ausschließliche Eigentum einer einzelnen Nation zu sein. Daher dient dieser Fall eher als Beispiel für ein „gemeinsames regionales Kulturerbe“ denn als unbegründeter Anspruch.

Khanom Chin Nam Ya Pa
Der Fall „Pad Thai“ – Wenn Ansprüche historisch unhaltbar werden
Auch Pad Thai taucht auf der Liste der beanspruchten Gerichte auf. Dieser Fall ist jedoch besonders aufschlussreich, da die historische Dokumentation für Pad Thai außergewöhnlich klar ist. Das Gericht wurde in den 1930er Jahren unter der Regierung von Feldmarschall Plaek Phibunsongkhram im Rahmen einer staatlichen Kampagne zur Förderung nationaler gebratener Nudeln gezielt entwickelt und verbreitet. Ziel war es, den Reisverbrauch zu senken und eine moderne thailändische Identität zu schaffen. Da dies schriftlich gut dokumentiert ist, widerspricht die Behauptung, Pad Thai sei ein „uraltes“ Gericht einer anderen Region, den gesicherten historischen Fakten.

Pad Thai
Der Fall „Hor Mok“ vs. „Amok Trey“ (Amok)
Das kambodschanische Gericht, das dem thailändischen Hor Mok am ähnlichsten ist, heißt „Amok“ oder „Amok Trey“ – in Kokosmilch-Curry gedämpfter Fisch. Der thailändische Kulinarhistoriker Ong Bunjun (Autor des Buches „Khang Samrup Usa Khane“ / Am Südostasiatischen Esstisch) bietet hierzu eine interessante wissenschaftliche Perspektive: Er erklärt, dass Amok eines von zwei prominenten kambodschanischen Gerichten ist, die von der thailändischen Küche beeinflusst wurden. Während der Epoche, in der Kambodscha ein Vasallenstaat Siams war, gab es einen intensiven kulturellen Austausch zwischen den Höfen von Siam und Kambodscha – in Architektur, Sprache, Kleidung, Tanzkunst und Kulinarik. Dieser Fall veranschaulicht, wie wissenschaftliche Evidenz kulturelle Verflechtungen fundiert erklären kann.

Hor Mok
Der Fall „Tom Yum Kung“ – Wenn die UNESCO ins Spiel kommt
Tom Yum Kung ist ein Fall mit klarer internationaler Anerkennung für Thailand. Nachdem die UNESCO Tom Yum Kung am 4. Dezember 2024 offiziell in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit für Thailand aufgenommen hatte, forderten im April 2026 einige Stimmen in Kambodscha dazu auf, den Namen des Gerichts ins Khmer zu übersetzen (z. B. „Saures Krebstier“ oder „Sauer-scharfe Meeresfrüchte“) und behaupteten einen Ursprung bei den Khmer-Vorfahren. Dieser Fall zeigt, dass die Registrierung als Kulturerbe bei internationalen Organisationen das wirksamste Instrument darstellt, um Herkunftsstreitigkeiten offiziell beizulegen, da sie auf einem strengen Überprüfungsverfahren beruht.

Tom Yum Kung
Der Fall der pauschalen Beanspruchung „thailändischer Süßspeisen“
Neben einzelnen Gerichten gab es im März 2023 eine Welle von Behauptungen, die thailändische Desserts im Allgemeinen (ohne Spezifizierung) als „Khmer-Süßspeisen“ bezeichneten. Dies geschah zeitgleich mit Versuchen, Muay Thai dem „Kun Khmer“ zuzuschreiben, was zeigt, dass es sich um ein breiteres Muster der Identitätsstiftung handelt.
Wichtig ist hierbei festzuhalten: Thailand hat nie behauptet, der alleinige „Ursprung“ dieser Dessertgruppe zu sein. Die thailändische Bevölkerung ist sich der Herkunft der eibasierten „Thong“-Süßspeisen (wie Thong Yip, Thong Yod, Foi Thong und Mo Kaeng) stets bewusst gewesen. Diese gehen nachweislich auf portugiesische Desserts (wie Doces de Ovos / Fios de Ovos) zurück, die von Maria Guyomar de Pinha (Thao Thong Kip Ma) im 17. Jahrhundert am Hof von Ayutthaya eingeführt wurden. Dies ist fester Bestandteil des Lehrplans und der Allgemeinbildung in Thailand.

Thailändische Süßspeisen
Was diese Nachspeisen zu echten „thailändischen Süßspeisen“ machte, war nicht der Anspruch auf Urheberschaft, sondern der Prozess der Anpassung von Rezepturen, Erscheinungsbild und Verzehrgewohnheiten an die thailändische Kultur. Dadurch entstand etwas völlig Neues. Würde man die heutigen Varianten von Thong Yip und Thong Yod Portugiesen vorlegen, würden sie diese kaum als ihre eigenen traditionellen Speisen wiedererkennen. Daher ist die Behauptung, alle „thailändischen Süßspeisen“ seien „Khmer-Süßspeisen“, unbegründet, da Thailand selbst nie die alleinige Urheberschaft beansprucht hat, während der Transformationsprozess zur eigenen kulturellen Identität nachweisbar auf thailändischem Boden stattfand.
Das pauschale Etikettieren mehrerer thailändischer Gerichte als „Khmer Food“
Eine weitere Praxis besteht darin, dass Online-Seiten oder Medienkanäle Bilder mehrerer thailändischer Gerichte – wie Pad Thai, Tom Yum Kung, Khanom Chin und Som Tum – unter dem Sammelbegriff „Khmer Food“ zusammenfassen. In manchen Fällen werden sogar die thailändischen Originalnamen wie „Pad Thai“ verwendet, aber als kambodschanisches Gericht deklariert. Im Gegensatz zu Fällen, in denen eigene Khmer-Bezeichnungen genutzt werden (wie Nom Krouk oder Amok), werden hier Namen und Erscheinungsbild direkt übernommen, was eine eindeutige Aufklärung vereinfacht.
Wiederkehrende Muster in verschiedenen Fällen
Bei der Beobachtung dieser Trends zeigen sich wiederkehrende Muster bei Gerichten wie Khao Khluk Kapi, Kaeng Khiao Wan, Gai Pad Med Mamuang Himmapan, Rad Na, Pad See Ew, Kuay Tiew Ruea, Som Tum oder Larb/Nam Tok, die von kambodschanischen Restaurants im Ausland gelegentlich ohne Quellenangabe als „kambodschanische Gerichte“ ausgewiesen wurden. Zu den gemeinsamen Merkmalen gehören:
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